Kolumne von Jürg Grossen
Kurzversion: Die Schweiz produziert im Sommer oft mehr Strom, als sie braucht – und importiert trotzdem zusätzlich Strom. Das klingt widersprüchlich, ist aber clever: Wir kaufen günstigen, erneuerbaren Strom bei Überschuss, speichern ihn und verkaufen ihn Stunden später teurer ins Ausland. So verdienen Stromfirmen Geld, stabilisieren das Stromnetz in Europa und wir kommen der komplett erneuerbaren Stromversorgung immer näher.

Viele von uns bleiben im Sommer zuhause – auch bei uns scheint die Sonne. Unsere Grafik (basierend auf Swiss Energy Charts) zeigt eine typische Spätsommerwoche in der Schweiz Mitte August 2025. Täglich steigt die Solarproduktion (gelb) während Stunden auf über 5 Gigawatt. Zusammen mit Wasser- (blau) und Kernkraft (rot) übersteigt die Produktion den Verbrauch (schwarze Linie) deutlich. Trotzdem importieren wir in diesen Stunden zusätzlich Strom (violett).
Das wirkt paradox, ist aber logisch: Mittags fallen die Preise an Europas Strombörsen teils auf null oder darunter. Grund ist ein Überschuss an erneuerbarer Energie – vor allem Solar und Wind – mit oft über 90 Prozent Anteil. Die Schweiz nutzt das gezielt: Bei tiefen Preisen importieren wir Strom und speichern ihn in Pumpspeicherseen. Nachts produzieren wir daraus Strom und exportieren ihn zu höheren Preisen. Die Grafik zeigt diese Systematik deutlich: Import bei tiefen Preisen, Export (Flächen unter der Nulllinie) bei hohen Preisen.
Das ist wirtschaftlich und systemrelevant: Die Schweiz liefert Strom, wenn Europa ihn braucht, und bezieht ihn bei Überschuss. Wir wirken als «Batterie Europas», stabilisieren das Netz und verdienen daran. Pumpspeicherseen speichern Energie, gleichen Schwankungen aus und stellen Leistung bei Bedarf bereit. Sie sind echte Flexibilitätsmaschinen. Das europäische Netz ist dabei die grösste synchron betriebene Maschine der Welt – mit einem Ursprungspunkt in der Schweiz (Stern von Laufenburg).
Interessant ist noch ein weiterer Punkt: Wir importieren so kaum Kohle- und Atomstrom. Denn wenn die Preise tief oder gar negativ sind, dominieren im europäischen Markt erneuerbare Energien. Fossile Kraftwerke werden typischerweise eingesetzt, wenn Knappheit herrscht – also bei hohen Preisen. Wer also behauptet, die Schweiz importiere «dreckigen» Strom, verkennt die Marktmechanik.
Mit dem weiteren Ausbau von Sonne, Wind, Biomasse, Wasser und Speichern steigt unser Anteil erneuerbarer Versorgung stetig. Photovoltaik liefert günstigen Strom, im Winter hilft der europäische Verbund mit viel günstiger Windenergie zusätzlich zu unserer Wasserkraft. Entscheidend ist nicht Autarkie in jeder Stunde – die wäre sinnlos und teuer, sondern das kluge Zusammenspiel unserer Stärken mit jenen Europas. Mit unserer Grosswasserkraft haben wir zudem eine zuverlässige Versicherung für schwierige Zeiten zur Verfügung.
Auch die Nachfrage treibt die Entwicklung voran: Rund 80 Prozent des Stroms, den Kundinnen und Kunden heute kaufen, stammt aus erneuerbaren Quellen. Gleichzeitig stammen rund 30 Prozent der Schweizer Produktion aus AKWs – ein Teil davon wird also am Markt vorbei produziert und muss exportiert werden.
Erneuerbare Energie ist gefragt, wirtschaftlich und stärkt die Versorgungssicherheit. Um diese Vorteile zu sichern, ist ein EU-Stromabkommen zentral. Mit intelligenten Netzen, flexiblen Tarifen und Speichern profitieren auch die Konsumentinnen und Konsumenten – durch tiefere Strompreise.
Wir sind noch nicht bei Netto-Null, aber klar auf Kurs. Die Energiewende funktioniert – auch dank Marktmechanismen. Die Schweiz hat beste Voraussetzungen: Wasser, Speicher, Sonne und ein System, das Preissignale nutzt. Wir sind also Treiber und Profiteur zugleich.
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Jürg Grossen ist seit 2011 Nationalrat und seit 2017 Präsident der GLP. Er ist Co-Geschäftsinhaber und VR der Firmen elektroplan Buchs und Grossen AG, ElektroLink AG und Smart Energy Link AG. Er präsidiert zudem den Fachverband Sonnenenergie Swissolar, den Elektromobilitätsverband Swiss eMobility und den Verein SmartGridready.
Jürg Grossen (56) ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und wohnt und arbeitet in Frutigen BE. Hobbys: Mountain-Bike, Skitouren, Fussball, Gitarre spielen, Reisen.



