Glitzer als Statement


    Mit spitzer Feder …


    (Bild: zVg)

    Eines meiner Lieblingszitate lautet: «Wenn dich dein Leben nervt – streu Glitzer drauf!» Und genauso lebe ich auch: Ich habe mir angewöhnt, so oft wie möglich – eigentlich fast immer – ein wenig Glitzer und Glimmer in meinen Alltag zu bringen. Glitzer ist der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Kindheit und Eskapismus. Kaum etwas wirkt so harmlos und richtet gleichzeitig so viel Unordnung an – auf Tischen, in Haaren, in der Waschmaschine, im Leben. Einmal geöffnet, verteilt sich Glitzer mit einer Konsequenz, die man sonst nur von Gerüchten kennt. Er ist das Konfetti der Hartnäckigen. Dabei ist Glitzer im Kern ein Versprechen: dass ein bisschen mehr Funkeln den Alltag erträglicher macht. Meine Tasche wird zur Bühne, meine Grusskarte zur Botschaft, und mein Gesicht zum strahlenden Antlitz. Glitzer sagt: Es darf übertrieben werden. Es darf zu viel sein. In einer Welt, die ständig nach Effizienz verlangt, ist Glitzer ein trotziges «Warum nicht?» Glitzer ist die Erinnerung daran, dass Schönheit selten spurlos bleibt. Man trägt ihn nach Hause, ins Büro, in Geschäfte. Tage später findet man noch ein einzelnes Partikel am Ärmel und fragt sich, woher es kommt. Glitzer ist der Beweis, dass Dinge nachwirken – manchmal länger, als uns lieb ist.

    Und dann ist da noch die Ambivalenz: Glitzer wirkt oberflächlich, fast kindisch, und doch steckt in ihm ein subversiver Kern. Wer glitzert, nimmt sich Raum. Wer glitzert, fällt auf. Wer glitzert, widerspricht der stillen Übereinkunft, sich unauffällig zu verhalten. Vielleicht ist Glitzer deshalb so umstritten: Er ist schwer zu kontrollieren – ästhetisch wie sozial. Interessant ist auch, wie Glitzer die Wahrnehmung verschiebt. Er funktioniert nur im Licht, erst im richtigen Winkel entfaltet er seine Wirkung. Das ist fast schon eine kleine Lektion – denn nicht alles muss dauerhaft leuchten, um wertvoll zu sein. Manchmal reicht ein Moment, ein Reflex, ein kurzes Aufblitzen, das sagt: Hier ist etwas, das gesehen werden will.

    Glitzer gehört zu meinem Leben wie rot lackierte Nägel und roter Lippenstift – er ist mein Markenzeichen. Er begleitet mich überallhin – auf meinem Gesicht, in meinem Seelenbuch beim täglichen Collagen-Kreieren und Tagebuchschreiben. Glitzer hat einen festen Platz in meinem Herzen. Er lässt meine Seele erstrahlen, meine Worte glänzen und meine Energie funkeln. Glitzer ist für mich eine Entscheidung. Für ein bisschen Chaos. Für ein bisschen Mut zur Übertreibung. Für die Bereitschaft, Spuren zu hinterlassen – auch auf die Gefahr hin, dass ich sie nicht sofort wieder loswerde. Glitzer ist nicht dafür da, perfekt zu sein. Er ist dafür da, sichtbar zu sein. Und manchmal ist das schon genug.

    Und vielleicht beginnt genau dort die eigentliche Geschichte: wenn der Glitzer nicht mehr neu ist, sondern ein Überbleibsel eines Moments, der schon vorbei ist. Glitzer ist für mich nämlich auch Erinnerung in Fragmenten. Er klebt an Ereignissen wie ein Echo – an Geburtstagen, an Bastelnachmittagen, an Konzerten, an Abschieden und an zauberhaften aber auch an traurigen Momenten und Erinnerungen. So konnte ich es mir nicht nehmen lassen, auch den endgültigen Abschied von meinem geliebten Vater ein wenig zu «vergolden». Ich habe ihm einen Hauch von goldenem Glitzer mit auf seinen Weg in die geistige Welt gegeben – ein funkelnder Abschied, der sein Leben noch einmal aufleuchten lässt.

    Wenn Licht auf Glitzer trifft, geschieht Magie: Ein ganzes Spektrum an Farben erwacht, verborgen in den kleinen silbernen, schimmernden Partikeln – ein Regenbogen, den man so nicht erwarten würde. Jede Farbe, die im Glitzer aufleuchtet, ist wie eine Emotion, die sich ihren Weg bahnt. Glitzer macht mich glücklich und lässt mich lebendig fühlen.

    Es gibt Menschen, die Glitzer kategorisch ablehnen. Zu laut, zu billig, zu unnötig. Und ich verstehe das ja auch. In einer Welt, die ohnehin schon überladen ist, wirkt zusätzlicher Glanz wie ein Zuviel. Aber vielleicht liegt genau darin seine Berechtigung. Glitzer fügt nichts hinzu, was wir brauchen – nur etwas, das wir wollen. Und das ist ein Unterschied, der oft unterschätzt wird. Er existiert nicht, um zu lösen, zu verbessern oder zu optimieren. Er existiert, um zu wirken. Als kleine, funkelnde Unterbrechung im Grau. Punkt. Denn Glimmer ist der leise Beweis, dass selbst das Unscheinbare im richtigen Licht zu strahlen beginnt.

    Herzlichst,
    Ihre Corinne Remund
    Verlagsredaktorin

    Vorheriger ArtikelBewegung in den Arbeits­alltag integrieren
    Nächster Artikel«Wir verstehen das Gehirn nicht vollständig»