Schweizer Städte sind lebenswerte Orte und attraktive Standorte der Wirtschaft. Der Aarauer Stadtpräsident Hanspeter Hilfiker ist neuer Präsident des Städteverbandes. Hier spricht er unter anderem über die grossen Herausforderungen der Städte betreffend Wohnraum, der Ressource Boden, platzsparende Mobilität und Alterspolitik. Dabei zeigt er auch, wie Aarau sich weiterentwickelt.

Sie sind im Sommer zum neuen Präsidenten des Städteverbandes gewählt worden. Was bedeutet Ihnen dieses Amt?
Hanspeter Hilfiker: Die Städte, städtischen Gemeinden und Agglomerationen bedeuten drei Viertel der Bevölkerung unseres Landes und 84 Prozent der Wirtschaftsleistung. Ihre urbanen Anliegen vertreten wir mit dem Städteverband gegenüber dem Bund, den kantonalen Konferenzen und der Öffentlichkeit. Es freut mich, dass ich mich als Stadtpräsident von Aarau für die Schweizer Städte engagieren kann. Die Anliegen der urbanen Schweiz gehören systematisch und frühzeitig einbezogen bei den Entscheidungsprozessen auf Bundesebene. Zugleich hat der Verband ein Doppelmandat, nebst der Interessensvertretung bieten wir den Mitgliedern ein exklusives Netzwerk an, erarbeiten Entscheidungsgrundlagen und arbeiten in Gremien zu verschiedensten Politikbereichen, etwa zur Sozial-, Finanz- oder Wohnungspolitik.
Welche Prioritäten setzen Sie, respektive wo sehen Sie Handlungsbedarf?
Die Anliegen der urbanen Schweiz sollen beim Bund und den Kantonen besser gehört und auch berücksichtigt werden. Diese Herausforderung stellt sich in verschiedenen aktuellen Themenbereichen: Etwa beim Vertragspaket Schweiz-EU, bei den kürzlich vorgeschlagenen Massnahmen im Strassenverkehr (Stichwort Tempo 30) oder beim Sparpaket des Bundes, die alle auf die Städte Auswirkungen haben. Wir setzen uns für den Erhalt des kommunalen Handlungsspielraums ein.
Drei Viertel der Schweizer Bevölkerung leben in Städten und städtischen Gemeinden. Wie haben sich die Städte in den letzten Jahren entwickelt?
Die Städte sind attraktiv und wachsen. Das führt zu Herausforderungen für die Städte: zum Beispiel betreffend Wohnraum oder nachhaltiger, platzsparender Mobilität.
Sie sind seit 2018 Stadtpräsident von Aarau. Aarau hat 22’679 Einwohner. Gibt es eine ideale Stadtgrösse?
Sowohl kleinere als auch grössere Städte haben Vorteile; die Schweizer Städtelandschaft ist vielfältig und soll sich so weiterentwickeln können. Wichtig bleibt die Leistungs- und die Handlungsfähigkeit der Städte.
Viele Städte beschränken sich in ihrer Innenverdichtung auf Arealentwicklungen. Wie können sich Städte baulich weiterentwickeln und wie sieht eine gute innere Verdichtung aus?
Viele Städte können sich nur noch im Bestand entwickeln: Aufstockungen, Anbauten, Umnutzungen. Das Potenzial ist gross. Zudem haben viele keine brachliegenden Areale mehr. Städte wollen sparsam mit der Ressource Boden umgehen und suchen nach qualitätsvollen Lösungen. Das braucht eine Interessensabwägung und muss sorgfältig angegangen werden.

Was sind die Chancen einer inneren Verdichtung, wie sieht das konkret in Aarau aus?
Innenentwicklung geschieht auf verschiedenen Ebenen: Zum einen ermöglichen die revidierten BNO-Bestimmungen grössere und vielfältigere Nutzungen in bestehenden städtischen Quartieren. Zusätzlich sind die angesprochenen Arealentwicklungen von bisherigen Gewerbe- und Industriearealen nach wie vor wichtig. Gerade in Aarau haben wir mit dem innerstädtischen Kasernenareal und mit den im Zentrum unserer Agglomeration gelegenen Arealen Telli und Torfeld grosse Potentiale. Alle Verdichtungen bedeuten Herausforderungen für die Bewältigung der Mobilität und beim Aufbau der adäquaten Angebote, etwa in der Bildung. Die Chancen bleiben vielfältig, mit attraktiven Wohn- und Lebensräumen, flächeneffiziente und klimaverträgliche Nutzungen unserer Stadtgebiete und vielfältigeren Angeboten.
Welche Voraussetzungen sind notwendig, damit eine Stadt gute Lebensqualität bieten kann?
Auch hier sind die Bedingungen zahlreich: Die Vielfalt der Angebote (Wohnen, Arbeiten, Bildung, Soziales, Sport, Kultur) und der Anbindung (Mobilität, kurze Wege), gute Aufenthalts- und Wohnqualität sowie wirtschaftliche Attraktivität sind zentral. Als Grundlage ist zudem eine ausgeglichene Finanzlage (Steuern, Sparpolitik) für Bevölkerung und Wirtschaft wichtig. Weitere Bedingungen für die gute Lebensqualität sind Klimaanpassung, Sicherheit, Erreichbarkeit im Quartier im Alltag.
In den Schweizer Städten wird sich bis 2050 die Zahl der über 60-Jährigen verdoppeln. Dieser demografische Wandel ist eine Herausforderung für die Städte. Welche Lösungsansätze gibt es?
Städte müssen auch an Bedürfnisse und Wünsche der älteren Menschen angepasst sein. Das heisst, es braucht eine Alterspolitik und eine entsprechende Stadtgestaltung. Diese umfasst Aspekte wie barrierefreie Infrastrukturen, geeignete Wohnformen und gesellschaftliche Teilhabe. In Aarau sind wir aktuell an der Erneuerung aller Pflegeeinrichtungen. Wir erstellen zusätzlich altersgerechte Wohnungen und haben – mit einer klaren Volksmehrheit – eine mobile Altersarbeit eingeführt.
Die Schweizer Städte sind vom Klimawandel stark betroffen, zum Beispiel durch die Bildung von Hitzeinseln im Sommer. Welche Möglichkeiten gibt es, um dem Klimawandel vorzubeugen?
Städte können direkt helfen, dem Klimawandel vorzubeugen, zum Beispiel indem sie eine emissionsarme Wärmversorgung umsetzen, die Siedlungsgebiete hitzeangepasst weiterentwickeln, etwa mit Wasser und Bäumen, sowie die Bevölkerung aktiv über Verhaltensmöglichkeiten informieren. In Aarau haben wir in den letzten Jahren ein grosses Wärme-/Kältenetz aufgebaut. Kürzlich wurde die Gemeindeordnung um einen aktualisierten Klimaparagrafen ergänzt, der für die Stadt Klimaneutralität bis 2045 anstrebt, und gleichzeitig mit einem Massnahmenplan hinterlegt ist, der mit finanziellen Mitteln ausgestattet ist.
Städte prägen das Umfeld, in dem wir arbeiten, wohnen, uns bewegen und unsere Freizeit verbringen, und haben damit einen erheblichen Einfluss auf unsere Gesundheit. Welchen Stellenwert hat die Gesundheitsförderung in den Städten und wie sieht diese aus – beispielsweise in Aarau?
Städte betreiben Gesundheits- und Bewegungsförderung. Das kann auf verschiedenen Ebenen stattfinden: Infrastruktur für Sport und Spiel, auch via Vereine, im Alltag im Stadtraum selbst. Eine gute Stadtplanung eröffnet Bewegungs- und Begegnungsmöglichkeiten für die Menschen. Die aktive Mobilität wird daher gefördert.
In Aarau haben wir, gemeinsam mit dem Kanton, das Pilotprojekt GERA (Gesundheit Region Aarau) lanciert. Angestrebt wird eine bessere Koordination aller ambulanten und stationären Leistungserbringenden unserer Region.
Der Schweizerische Städteverband wie auch der Schweizerische Gemeindeverband legen Wert auf die Stärkung der Gemeindeautonomie. Wieso soll der Bund Rücksicht auf die Anliegen auf der kommunalen Ebene nehmen?
Die Verfassung verpflichtet mit Art. 50 den Bund zur Rücksicht auf die kommunale Ebene und die besondere Rolle der Städte und Agglomerationen. Denn Städte sind unverzichtbar in der direkten Demokratie. Sie sind daher als staatliche Partner-
innen, nicht nur als «Vollzugsorgane» zu sehen. Mit ihrer Politik der Nähe sind sie nahe am Alltag der Menschen und fördern das Vertrauen der Bevölkerung in Institutionen. Damit Lösungen tragbar sind, müssen daher alle Staatsebenen zusammenarbeiten. Dazu braucht es einen systematischen Einbezug und die Gestaltungskraft der Städte muss respektiert werden.
Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für unsere Städte?
- Langfristig robuste Stadtfinanzen
- Klimaadaptation, vor allem hinsichtlich immer heisserer Sommer und Wetterextremen
- Umgang der Städte mit der alternden Bevölkerung
- Qualitätsvolle Innenentwicklung
- Einen Weg zu platzsparender, umweltfreundlicher Mobilität finden
In welche Richtung entwickeln sich unsere Städte in den nächsten 20 Jahren?
Schweizer Städte werden lebenswerte Orte und attraktive Standorte der Wirtschaft bleiben und weiterhin als Innovationslabore der Gesellschaft funktionieren. Die Städte sind und bleiben die Treiber der gesellschaftlichen Entwicklungen.
Interview: Corinne Remund
Der Schweizerische Städteverband
Drei Viertel der Schweizer Bevölkerung leben in Städten und städtischen Gemeinden. In diesen urbanen Gebieten werden 84 % der Wirtschaftsleistung unseres Landes erbracht – im Interesse und zugunsten der ganzen Schweiz.
Die Bedeutung der Städte für unser Land wird zunehmend anerkannt, und eine wachsende Zahl von Menschen wählt unsere urbanen Zentren als Lebens-, Arbeits- und Wohnraum. Städte haben den Menschen viel zu bieten. Sie sind aber auch stark betroffen von allen politischen Fragen – von der Finanz-, Verkehrs-, Raum- und Siedlungspolitik über die Bildungs-, Familien-, Sozial- und Integrationspolitik bis hin zur Kulturpolitik.
Für diese urbane Schweiz setzt sich der Schweizerische Städteverband gegenüber Politik und Öffentlichkeit ein und wahrt die Interessen seiner Mitglieder aus allen Landesteilen, stets auch mit dem Ziel einer starken Schweiz im internationalen Standortwettbewerb.





